Dienstag, 2. Mai 2006
Was wäre, wenn der Zweifel keine Fragen mehr stellen würde...



fragte sie sich stillschweigend, um dann seufzend den Bildschirm auszuschalten. Ein kurzes wenden des Kopfes führte den Blick durch ihr Fenster. Ins Freie. Der Blick prallte ab an der Hauswand der gegenüberliegenden Häuserreihe, deren Fenster vereinzelt hell erleuchtet waren. Er brachte helle erleuchtete Fenster zurück. Später Abend einer Kleinstadt, die sich selbst als Großstadt, Weltstadt, gar Finanzmetropole bezeichnete. Wie drohende Kreuze schienen die Rahmen der Fenster vor den mit gedämpften Licht gefüllten Räumen zu schweben...Als könnten sie das alles halten, schützen oder...Wir. Wir bildeten eine Gemeinschaft. Jeder wusste das, spürte es. Noch nie ein Wort gesprochen mit den Menschen von gegenüber, vielleicht ein schüchternes winken am Fenster, aber um Gottes willen, sich bloß nicht auf der Straße grüßen, das wäre dann doch zu persönlich, ein Schritt weiter in die Intimsphäre. Jung waren sie alle, zumindest die, die keine Gardinen an den Fenstern anbrachten. Und sie hielten was auf sich, was der Style bewies. Hier war der gehobene, noch studierende oder studierte, teilweise bereits mit Kindern gesegnete Mittelstand versammelt. Irgendwie kreativ, irgendwie künstlerisch, irgendwie cool, und irgendwie auch total gestört. Die Massen der Turnschuh und Flohmarkthosenträger mit Schultertaschen aus Luftmatratzen oder Gummireifen oder sonstigen Kunststoffartigen und dehnbaren Materialien, Identifikation mit der Elite, be member of the label society, hilft temporär über Identifikationsschwierigkeiten und Orientierungslose Momente hinweg. Das macht nichts, wenn es hilft...Hauptsache das kleine Etikettchen fehlt nicht, auf dem ein in aussagekräftigen Versalien gedrucktes logo steht. Glücklich sahen sie trotz allem nicht aus, die neuen deutschen Wohlstandskinder. Irgendwie nicht.

Ja, sicherlich, lag es auch an der verheerenden wirtschaftlichen Situation die gerade zugegen war. Hohe Arbeitslosigkeit, auch unter den Akademikern, führte zu Frustrationen und Selbstzweifeln, mit der Empathie eines Rhinozeros rollte die soziale Realität die Träume der Jugend platt. Ich höre Lieder von deutschen Bands im Radio, die von „irgendwie ein bisschen Anarchie ...“ singen und von den anderen sprechen. So wie ich gerade. Die anderen haben´ s noch nicht gemerkt, aber Gott sei dank sie selbst, diejenigen die singen. Wenigstens einer, oder zumindest wenigstens eine Band. Eine hat´ s kapiert, worum es geht. Die andern noch nicht. Die Dummen. Und die eine Band hat sogar das Glück, Erfolg zu haben, wahrscheinlich, weil sie eben nicht zu den Dummen gehört, die es noch nicht kapiert haben. Oder vielleicht auch, weil eben nur eine Band oder vielleicht zehn von dreißigtausend es schaffen, davon leben zu können, weil sich eine Industrie dahinter verbirgt. Und dann locker von „ ein bisschen Anarchie“ singen ... Irgendwie irrsinnig. Und irgendwie auch nicht, weil es genau dass ist, wovon man träumt, worauf man hofft.

Sie schaute hinaus und sah, dass fast alle Lichter der gegenüberliegenden Häuserreihe erloschen waren. Ein Gefühl der Wärme überkam sie mit dem Gedanken, das jetzt alle schlafen gegangen seien. Sie waren da, die anderen und lebten. Irgendein leben. Und jetzt schliefen sie, fast alle, und auch der letzte würde sein Licht löschen. Verheerend viele Gemeinsamkeiten, murmelte sie vor sich hin, als sie auf ihr Bett zuging.

... link (0 Kommentare)   ... comment